18.09.2025:
Am 28.9.2025 fand im St.-Viktor-Dom zu Xanten der alljährliche Märtyrer-Gedenkgottesdienst für Nikolaus Groß statt. Nachfolgend lesen Sie das Glaubenszeugnis von Dr. Michael Schäfers, Katholische Arbeitnehmer-Bewegung Deutschlands:
Dr. Michael Schäfers, Katholische Arbeitnehmer-Bewegung Deutschlands, während des Gottesdienstes
"Wer an das Leben glaubt und ihm vertraut, den enttäuscht es nicht" - so einer der Sätze von Nikolaus Groß, den wir in der Lesung gehört haben. Darin kommt ein festes Vertrauen zum Ausdruck: Alles wird gut, wenn wir dem Leben vertrauen, wenn wir an das Leben glauben.
Für mich ist dies angesichts des Todes, angesichts des Justizmordes an Nikolaus Groß am 23. Januar 1945 in Berlin-Plötzensee einer seiner stärksten Sätze. Angesichts einer völligen Ausweglosigkeit, an das Leben zu glauben... Dieses Vertrauen war Nikolaus Groß fest eingeschrieben, wovon auch ein anderer Satz von ihm zeugt: "Gott verlässt keinen, der ihm treu ist." Dieses feste Vertrauen auf das Leben und Gott hat Nikolaus Groß die Kraft gegeben, Zeugnis für die Hoffnung und den Glauben abzulegen - bis zu seinem Tod am Galgen. Die letzten Sätze an seine Frau Elisabeth am 18. Januar 1945 lauteten: "Sucht nachher nicht nach meinem Leichnam. Ihr werdet ihn nicht finden. Wir alle werden verbrannt. Und dennoch wird uns der Herr auferstehen lassen." Wenn nichts mehr bleibt, alles zur Asche wird, so verlässt Go5 mich nicht und wird mich auferstehen lassen..." Das sind Sätze eines im Alter von 46 Jahren durch den NS-Unrechtsstaat Ermordeten...
Dieses feste Vertrauen in das Leben und die feste Verwurzelung im Glauben hat den "Kölner Kreis" getragen, allen voran Nikolaus Groß, Bernhard Le5erhaus und Präses Otto Müller, die alle drei ihr Leben für ihre Überzeugungen hingegeben haben. Dieses Vertrauen und der Glauben waren dabei keinesfalls naiv. Alle waren sich bewusst, was es bedeutete, Widerstand gegen den Nationalsozialismus zu leisten. 1932 richten alle Verbandspräsides der damaligen KAB-Westdeutschlands, organisiert durch Verbandspräses Otto Müller, einen eindringlichen öffentlichen Appell an Reichskanzler Franz von Papen und den Reichspräsidenten Paul von Hindenburg, die Weimarer Verfassung zu schützen und die Demokratie zu verteidigen. Der Appell war vorher im Kettelerhaus in Köln von Groß, Letterhaus und Müller vorbereitet worden. Den Nationalsozialisten war damit von vornherein klar, auf welcher Seite die KAB und ihre führenden Vertreter standen.
Nikolaus Groß sah frühzeitiger als viele andere, dass die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus eine weltanschauliche werden würde. Er sah frühzeitig, dass die Nationalsozialisten die christliche Weltanschauung und den christlichen Glauben mit Füßen traten. Er war ein Seismograf, der seiner Zeit weit voraus war, ein Mahner mit dem Aufruf: "Wehret den Anfängen! Wehret den falschen Propheten!" "Falsche Propheten mit einem Kreuz auf der Fahne (...) ziehen durch Städte und Dörfer. Sie verwüsten die Herzen des leidenden Volkes." Das war das "Zeichen der Zeit", das Groß und Letterhaus vor vielen - auch in der katholischen Kirche - sahen. Falsche Propheten, die die Herzen verwüsten...
An diesen falschen Propheten fehlt es auch heute nicht. Ja, Geschichte wiederholt sich nicht einfach, aber die Pfade, die ausgetreten werden und in die Irre führen, die gleichen sich oftmals. Auch heute werden wieder die einfachen Parolen in Städte und Dörfer getragen, werden Sündenböcke an den Pranger gestellt, wird durch Ausgrenzung und Spaltung die Demokratie und das soziale Zusammenleben vergiftet, werden die Herzen der Menschen verwüstet. Und man versucht die Geschichte umzuschreiben, den Terror des Nationalsozialismus zu verharmlosen und die Millionen Toten des Krieges als Mahnung für den Frieden vergessen zu machen.
"Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte" - Alexander Gauland. "Wissen sie, das große Problem ist, dass man Hitler als absolut böse darstellt" - Björn Höcke. "Vermisst seit 1945 (...) Adolf, bitte melde dich! Deutschland braucht dich! Das deutsche Volk!" - ein Post von Elena Roon, auch AFD. "Deutschland den Deutschen!" - Benjamin Nolte, AFD. "Bevölkerungsaustausch" und "Remigration" - zwei weitere Schlagworte. Ein homogenes deutsches Land soll werden und der "Rest" gehört ausgewiesen, abgeschoben... fatal erinnert das an die Parolen und den Jargon der Nazis.
Die "Politik der Spaltung" mit ihren Diffamierungen und Pauschalisierungen reicht bis weit in unsere gesellschaftliche Mitte hinein. Die Bürgergeldbezieher*innen wollen nur dem Staat auf der Tasche liegen...; die Arbeitssuchenden wollen alle gar nicht arbeiten...; auch hier lässt sich die Liste aus aktuellen Debatten unserer Tage fortsetzen... Heute ist wieder Härte gefragt, um durchs Leben zu kommen. Jede bzw. jeder ist ihres bzw. seines Glückes Schmied. An sich selbst denken, an das eigene Volk... America first!... Gaza machen wir zu einem Touristenressort! ...
Falsche Propheten ziehen durch die Städte und Dörfer und sie finden damals wie heute Anhänger...
Nikolaus Groß hat dem eine "politische Spiritualität" entgegengesetzt mit klarer Kante: "Wo ein Mitmensch in Not ist, müssen wir liebevoll, barmherzig und mitleidig sein, wie Christus es gewesen ist. Wo Unrecht geschieht, müssen wir tapfer für das Recht und die Wahrheit eintreten, wie Christus es uns gelehrt hat." Klarer kann man den Auftrag, der heute auch an uns alle ergeht, nicht formulieren. Wo Hass gegen andere zum politischen Mittel wird, wo Unrecht zu Recht umgedeutet wird, da schreibt Nikolaus Groß uns ins Stammbuch: seid liebevoll, barmherzig, mitleidig und tapfer. Das sind Eigenschaften, die in unserer Zeit von vielen belächelt, abgetan werden. Aber sie sind gute Eigenschaften gegen die "Verhärtung der Herzen", gegen die Verrohung in der Politik. Das sind Eigenschaften, ohne die keine Demokratie, kein Staat zu machen ist, ohne die die Menschlichkeit abstirbt.
Wir alle stehen in den Spuren derer, die vor uns gegangen sind. Wir können ihre Abdrücke, ihre Lebenserfahrungen, ihr Leiden - im wahrsten Sinne - uns "zu Herzen nehmen." Ob wir aus der Geschichte lernen, entscheidet sich neu an jedem Tag. Nikolaus Groß hat aus den Anfängen des Nationalsozialismus gelernt und seine Bestimmung früh erahnt: Zeugnis abzulegen für den christlichen Glauben, für die Humanität, die Mitmenschlichkeit und die Nächstenliebe. Sich treu bleiben - bis zum Schluss, bis zum Galgen in Berlin-Plötzensee an jenem kalten Wintertag am 23. Januar 1945. "Niemand kann seiner Bestimmung ausweichen (...), ohne sich selbst untreu zu werden."
Ein Vermächtnis an uns alle hier. Vermächtnis bedeutet nicht, anderen etwas zu hinterlassen. Es bedeutet, in anderen etwas zu hinterlassen. Die Lebens- und Todesgeschichte von Nikolaus Groß muss in uns etwas hinterlassen, wenn sein Martyrium nicht sinnlos gewesen sein soll. Liebevoll, barmherzig, mitleidig und tapfer, für Recht und Wahrheit kämpfen... das sollen wir in uns aufnehmen und können so mutig handeln. Nikolaus Groß dazu: "Lasst nicht nach mit eurem Eifer, verabscheut das Böse, haltet fest das Gute. Seid fröhlich in der Hoffnung, geduldig in der Bedrängnis, beharrlich im Gebet."
Nikolaus Groß' Hoffnung war, dass mit seinem Tod nichts ein Ende hat, sondern andere den Staffelstab für Zusammenhalt und Solidarität der Menschen untereinander übernehmen. Für uns heute Lebenden könnte nichts schlimmer sein, als wenn wir an einen Punkt kommen, an dem wir bekennen müssen, dass wir angesichts der "Zeichen der Zeit" nicht wachsam waren, wir versagt haben. Dass wir, wie das Stuttgarter Schuldbekenntnis der Evangelischen Kirche von 1945, uns im Nachhinein anklagen müssten, "nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt" und nicht tapfer gegen das Gift von Hass, Hetze und Lüge in unserer Zeit gekämpft zu haben.
Zu der Dreikönigswallfahrt 1938 gab es eine Losung, die auf Nikolaus Groß zurückgeht. Sie lautet: "Es ist dunkel die Nacht, es ist dunkel der Tag; entzündet die Feuer! Bleibt auf der Wacht!"
Das ist und bleibt unser Auftrag! Amen.
Das Licht von Xanten wurde dem KAB-Diözesanverband Berlin verliehen